Ecofin, Presseartikel

 

EINLEITUNG

Marc Ryser

Risikomanagement-Ansätze für Banken
Eine finanzökonomische Analyse

Problemstellung

Zwischen August und September 1998 führten der Beinahe-Kollaps des Hedge Funds LTCM sowie Russlands De-Facto-Zahlungsunfähigkeit bei den Staatsanleihen zu einer Erhöhung der Kredit-Spreads auf ein Niveau, welches seit dem Kurssturz von 1987 nicht mehr beobachtet werden konnte. Diese und weitere in ihren Auswirkungen ähnliche Ereignisse der letzten Dekade verursachten grosse Wandel in der Bankenbranche. Bis anhin florierende Bankunternehmen kündigten plötzlich grosse Verluste aus faul gewordenen Krediten, offenen Zinsrisikopositionen oder Derivateengagements an. Als Folge lässt sich seither bei Banken weltweit eine enorme Ressourcenallokation für den Auf- und Ausbau von Risikomanagement- Systemen feststellen [Santomero 1997].

Den Fokus der vorliegenden Arbeit bildet eine theoretische Analyse, die aus finanzökonomischer Sicht einen Beitrag zur Bestimmung der optimalen Risikomanagement-Strategie einer Bank liefert. Der Begriff Risikomanagement steht dabei für eine Reihe von Verfahren, mit deren Hilfe Individuen oder Unternehmen das Risiko unsicherer zukünftiger Auszahlungen steuern können. Unter der Ägide des Basler Kommitees der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) wurden Banken von Ihren Regulationsbehörden verpflichtet, Risikomanagement-Systeme zu implementieren. Die Motivation dieser Behörden beruht auf der Annahme negativer Externalitäten des Bankgeschäftes [Rochet 1999]: Ein einzelner Bankenkonkurs kann das Vertrauen in die gesamte Branche gefährden und aufgrund der starken wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Banken zu einer eigentlichen Systemkrise führen. Die Vermeidung von Zusammenbrüchen des Finanzsystems ist aus Sicht der Regulationsbehörden denn auch die primäre Aufgabe des Risikomanagements.

Diese klar umrissene Zielsetzung im gesamtwirtschaftlichen Fokus weist jedoch kein einfaches Pendant auf Ebene der einzelnen Bank auf. So dreht sich die Risikomanagement-Diskussion in der akademischen Literatur heute hauptsächlich um technische Details wie die Herleitung der varianzminimierenden "Hedge-Ratio", das Zeitreihenverhalten von Risikofaktoren oder die Modellierung von adäquaten Verteilungsfunktionen. Die Frage nach der ökonomischen Zielsetzung des Bankrisikomanagements wird hingegen selten gestellt [Lo 1999].

Ansätze zur Bestimmung der optimalen Risikoübernahme finden sich zunächst für das Investitionsproblem des individuellen Investors. Die mikroökonomische Entscheidungstheorie unter Unsicherheit behandelt Risiko als inhärenten und subjektiven Bestandteil seiner Nutzenfunktion. Sind die Parameter der Nutzenfunktion spezifiziert, lassen sich Risikomanagement-Strategien anhand eines Nutzen-Kosten-Vergleiches evaluieren. Die Krümmung der Nutzenfunktion bzw. die Veränderung des Grenznutzens zeigt, wie das Risiko einer unsicheren Auszahlung bewertet wird.

Für Unternehmen und Banken im speziellen ist dieses Verfahren kaum anwendbar. Die Herleitung einer Nutzenfunktion für eine Bankunternehmung ist mit grossen Schwierigkeiten verbunden, da die "Bank" ein rein rechtliches Konstrukt darstellt. Eine einstimmige Zielsetzung müsste durch Aggregation der individuellen Nutzenfunktionen aller Entscheidungsbefugten (z.B. der Aktionäre oder des Managements) erreicht werden. In einer realen Welt mit Informations- und Transaktionskosten ist dies illusorisch. Die Bestimmung der Risikoneigung oder des "Risikoappetites" einer Bank ist eine nicht triviale Aufgabe.

In der Corporate-Finance-Literatur werden deshalb unter idealisierenden Modellannahmen alternative Unternehmens-Zielfunktionen wie die Firmen- oder Eigenkapitalwertmaximierung abgeleitet. Die Rolle des Risikomanagements hängt dabei stark vom verwendeten Modellkontext ab:

  • Für einen vollständigen und friktionslosen Kapitalmarkt zeigen die Theoreme von Modigliani und Miller 1958, dass Risikosteuerungsstrategien von Unternehmen irrelevant sind. Höhere Risiken werden zusammen mit entsprechend höheren erwarteten Erträgen durch ein eindeutig bestimmtes Marktbewertungsfunktional "neutralisiert". Basis ist eine einfache Arbitrage-Überlegung: Aktionäre können durch Umschichtungen in ihrem Portfolio selber jede gewünschte Risikostruktur erreichen. Diese Irrelevanzhypothese steht jedoch konträr zum empirischen Befund, wonach Unternehmen und insbesondere Banken sehr ressourcenintensive Risikomanagement-Verfahren anwenden (z.B. [Brewer et al. 2000,Sinkey und Carter 2000]).
  • Die Einführung von Friktionen in die idealisierte Modigliani-Miller-Welt perfekter Kapitalmärkte ermöglicht eine differenziertere Sicht des Phänomens Risiko im un-ternehmerischen Kontext: Nicht-lineare Unternehmenssteuern, Konkurskosten oder Zusatzkosten der externen Neufinanzierung sind Beispiele für situationsbedingte Risikokosten, die in gewissen Umweltzuständen anfallen. Im Widerspruch zur Irrelevanzhypothese weist das Risikomanagement hier eine Existenzberechtigung auf. Es ermöglicht eine Reduktion derjenigen Risiken, welche realwirtschaftliche Kosten verursachen [Froot und Stein 1998,Froot et al. 1993].
  • Sowohl das Modigliani-Miller-Theorem als auch die genannten Risikomanagement-Motive stellen Ex-Ante-Aussagen dar. Sind das Fremdkapital und dessen Verzinsung einmal festgelegt, lässt sich ex post mittels "Anlagensubstitution" [Jensen und Meckling 1976] der Eigenkapitalwert erhöhen, indem Vermögen von Fremdkapitalgebern realloziert wird. Bei dieser Risikomanagement-Strategie ist nicht die Risikoreduktion, sondern die Risikoausweitung die vordergründige Zielsetzung. In Analogie des Aktionärsanspruchs zu einer Call-Optionsposition [Black und Scholes 1973] kann in diesem Fall auf einen positiven Einfluss erhöhter Variabilität auf den Wert des Eigenkapitals geschlossen werden.


Diese Modellansätze für unternehmerisches Risikomanagement werden Banken nur bedingt gerecht, denn Banken sind aufgrund typischer Eigenschaften keine gewöhnlichen Unternehmen. Im neoklassischen Modellkontext des Modigliani-Miller-Theorems mit perfekten und vollständigen Kapitalmärkten wären sie redundante Institutionen ohne Existenzberechtigung, denn Unternehmen und Haushalte könnten direkt miteinander interagieren [Freixas und Rochet 1998, S.8]. Die Schlüssel zum Verständnis der Rolle von Banken sind reale Transaktionskosten und Informationsasymmetrien. Banken unterscheiden sich nach herkömmlicher Theorie wie folgt von anderen Unternehmenstypen:

  • Sie halten aufgrund ihrer Transformationsfunktion illiquide oder sogar nicht handelbare Kredite als Anlagen [Freixas und Rochet 1998, Froot und Stein 1998]. Die Illiquidität der Bankanlagen kann teilweise mit deren Informationssensitivität begründet werden; Banken können komparative Vorteile aufgrund ihrer Tätigkeit als delegierte Überwacher aufweisen [Diamond 1984]. Beispiele sind Informationen bzgl. Ausfallwahrscheinlichkeiten und Rückführungsraten. Dieser proprietäre Informationsvorteil kann durch langfristige Beziehungen mit Kreditnehmern ("relationsship banking") weiter ausgebaut werden [Boot 2000].
  • Das Fremdkapital ist für Banken nicht nur eine Finanzierungsquelle, sondern ein essentieller Produktionsfaktor. Depositäre zahlen implizite oder explizite Gebühren für verbundene Dienstleistungen wie Liquiditätsversicherung, Zahlungsverkehr und diebstahlsichere Aufbewahrung. Der Fremdkapitalanteil von Banken ist deshalb sehr viel höher [Baltensperger und Milde 1987].
  • Depositen können jederzeit zurückgezogen werden. Die sequentielle Auszahlungsvereinbarung und Unsicherheit bzgl. der Rückzahlungsfähigkeit der Bank können zu einer Situation führen, in der alle Depositäre gleichzeitig zur Bank rennen, um ihre Einlagen zurückzuziehen. Diese Bedrohung durch einen "Bank Run" verursacht eine inhärente Instabilität der Bankenbranche [Diamond und Dybvig 1983, Jacklin und Bhattacharya 1988].

Bei Banken akzentuieren sich die Risikokosten aufgrund der latenten Bedrohung durch einen Bank Run. In einer solchen Situation müssen durch Notverkäufe grosse Aktivenpositionen veräussert werden, um alle Depositäre auszuzahlen. Die geringe Liquidität von informationssensitiven, für Aussenseiter schwer analysierbaren Aktiven kann hohe indirekte Konkurskosten verursachen [James 1991]. Ein Bank Run führt überdies zum Verlust des Fortführungswertes, d.h. des Barwertes der Renten aus den Depositen und der Kreditvergabetätigkeit. Andererseits schafft der hohe Fremdkapitalisierungsgrad von Banken grosse Anreize, das Risiko zu Ungunsten der Depositäre zu erhöhen. Unter Berücksichtigung dieser Charakteristika werden in der vorliegenden Arbeit optimale Risikomanagement-Strategien für Banken hergeleitet, wobei der geltende Modellkontext explizit geklärt wird. Ausgehend von entscheidungstheoretischen Grundlagen zur Risikobehandlung und den Arbitragetheorie-basierten Modellen der Finance wird gezeigt, unter welchen Umständen Einstimmigkeit bezüglich der bankspezifischen Risikomanagement-Zielfunktion erlangt werden kann.

Vorgehen

Nach der Erläuterung der Problemstellung in diesem Kapitel wird im weiteren Verlauf der Arbeit folgendermassen vorgegangen:

  • In Kapitel 2 wird die Bedeutung des Risikos im Handlungskalkül von Individuen geklärt. Es wird gezeigt, wie Risiko gemessen werden kann, wobei der subjektive Risikobegriff des Erwartungsnutzenansatzes objektiven, rein statistischen Messkonstrukten (sogenannten Risikomassen) gegenübergestellt wird. Schliesslich wird dargelegt, welche Einflussfaktoren Risiko verursachen und welche Verfahren zur Steuerung von Risiko existieren.
  • Kapitel 3 behandelt die Frage, inwiefern sich das Risikokonzept ändert, wenn nicht mehr Individuen, sondern Unternehmen als Handlungseinheit betrachtet werden. Zu diesem Zweck wird eine Aggregation der individuellen Nutzenfunktionen der Entscheidungsträger einer Unternehmung vorgenommen. Es wird gezeigt, unter welchen Bedingungen Einstimmigkeit bzgl. der Zielfunktion erlangt werden kann und welchen Stellenwert das Risikomanagement bei diesem Übergang vom entscheidungstheoretischen zum arbitragebasierten Modellansatz der Finance einnimmt. Die normative Grundannahme ist, dass die Aktionäre als Träger des Residualanspruchs alle Entscheidungsbefugnis haben. Prinzipal-Agenten-Probleme zwischen Aktionariat und Management werden aus der Analyse ausgeklammert.
  • Kapitel 4 klärt die Unterschiede zwischen Banken und anderen Unternehmen sowie die Rolle des Risikomanagements in Banken, die spezifische ökonomische Funktionen wie die delegierte Überwachung von Krediten und die Bereitstellung von Liquiditätsversicherung erfüllen.
  • In Kapitel 5 werden in formalen Modellen optimale Risikomanagement-Strategien für Banken explizit bestimmt und die entsprechenden Einflüsse bankenspezifischer Besonderheiten in der Aktiven- und Passivenzusammensetzung aufgezeigt. Als wichtigste Einflussfaktoren erweisen sich der Bank-Run-Schwellenwert und die bei dessen Unterschreitung auftretenden Liquidationskosten, die anfängliche Fremdkapitalquote der Bank, regulatorische und sonstige Risikomanagement-Restriktionen, die Höhe des Fortführungswertes ("Franchise Value") der Bank, die Volatilität der risikobehafteten Anlage und deren Korrelation mit dem Kreditportfolio der Bank sowie die Zusammensetzung des Aktionariats bzw. dessen aggregierte Risikoaversion.
  • Kapitel 6 fasst die gewonnenen Erkenntnisse und deren Implikationen für Bankmanagement, Regulationsbehörden und Shareholder zusammen. Zudem wird ein Ausblick auf weitere Forschungsmöglichkeiten gegeben.
 

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