Ecofin, Presseartikel

 

EINFÜHRUNG

Urs Bischof

Die Einführung und Ausbreitung neuer Zahlungsmitteltechnologien

Im Januar 1997 haben die Schweizer Banken und die Post die Wertkarte CASH als neue Zahlungsmitteltechnologie eingeführt. Es bestand die Absicht, mit Hilfe dieser Wertkarte den Substitutionsprozess von Münzen und Noten mit tiefem Nominalwert durch kostengünstigere Zahlungsmittel zu beschleunigen. Es zeigte sich jedoch, dass der Ersatz von Bargeld für Kleinbeträge durch die Wertkarte nur schleppend vorankam. Zwar verzeichneten die Zahl der Akzeptanzstellen und die Anzahl der CASH-Transaktionen im ersten Betriebsjahr ein stetiges Wachstum; mit 1.5 Millionen CASH-Zahlungen lag die Einsatzhäufigkeit der Wertkarte aber weit hinter den rund 100 Millionen getätigten Zahlungen mit den Debitkarten der Banken und der Post während des gleichen Jahres. Aufgrund dieser Beobachtung kann die Hypothese formuliert werden, dass eine neue Zahlungstechnologie den Markt nicht stufenweise durchdringt, wie meist erwartet wird, sondern im Rahmen eines kontinuierlichen Prozesses.

In der vorliegenden Arbeit wird auf der Grundlage des preistheoretischen Instrumentariums ein Modell hergeleitet, mit dessen Hilfe der erwähnte Ausbreitungsprozess einer neuen Zahlungsmitteltechnologie beschrieben und analysiert werden kann. Unter Berücksichtigung einzelwirtschaftlichen Verhaltens von Systemlieferanten, Händlern und Konsumenten werden Bedingungen formuliert, unter denen diese eine neue Zahlungsmitteltechnologie wählen.

Die Arbeit ist wie folgt gegliedert: Im zweiten Kapitel wird zuerst am Beispiel der CASH-Karte die Funktionsweise eines neuen Zahlungsmittels dargestellt. Einige dieser Eigenschaften fliessen im vierten Kapitel in die Modellbildung ein. Nach der Beschreibung von CASH werden Kosten- und Nutzenelemente von Bargeld aus einzelwirtschaftlicher Sicht diskutiert, um die Zusammenhänge zwischen Bargeld und einer neuen Zahlungstechnologie darzustellen. Neben diesen Kosten- und Nutzenbestandteilen, die für verschiedene Parteien bei einer Güter- resp. Geldtransaktion anfallen, werden auch die Wirkungen der Einführung einer neuen Zahlungsmitteltechnologie auf die Seigniorage der Zentralbank dargestellt. Schliesslich wird diskutiert, wie Kosten- und Nutzenelemente neuer Zahlungsmitteltechnologien unter den verschiedenen Parteien verteilt werden können. Im darauffolgenden Schritt werden Implikationen der Existenz externer Effekte, sogenannter Netzwerkexternalitäten, für die Einführung einer neuen Zahlungsmitteltechnologie dargestellt. Auf diese Weise werden die ökonomischen Grundlagen für die Modellierung der Wahl einer neuen Zahlungsmitteltechnologie und deren Diffusionsprozess bei Existenz von Bargeld gelegt. Im dritten Kapitel wird ein kurzer Überblick über die aus der Sicht der Geldtheorie und der Netzwerkökonomie relevante mikroökonomische Literatur gegeben. Im vierten Kapitel wird ein informationstheoretisches Modell hergeleitet, um - wie erwähnt - Wahl und Diffusion einer neuen Zahlungsmitteltechnologie aus netzwerkökonomischer Sicht zu beschreiben und zu analysieren. Im Wesentlichen werden Kosten- und Nutzenelemente der einzelnen "Spieler" im Zusammenhang mit der Verwendung von Bargeld resp. einer konkurrierenden Zahlungsmitteltechnologie, das heisst jene der Konsumenten, der Händler und der Systembetreiber, diskutiert und in Form von Verhaltensfunktionen modelliert. Die Optimierung wird in einem ersten Schritt unter der Annahme vollständiger Information vorgenommen. Im Rahmen der anschliessenden Modellierung unter unvollständiger Information wird eine Analyse ohne resp. mit Signalen, das heisst Kommunikationsmöglichkeiten, durchgeführt. Die Resultate können vereinfacht wie folgt zusammengefasst werden: Aufgrund der Netzwerkeigenschaften von Zahlungsmitteln können Gleichgewichte resultieren, die durch ein allgemeines Verharren in der etablierten Zahlungsmitteltechnologie gekennzeichnet sind, obwohl die Summe der möglichen Nutzenveränderungen potentieller Systemteilnehmer höher wäre als die korrespondierenden Systemkosten der neuen Technologie. Es wird gezeigt, dass solche Gleichgewichte nicht existieren, falls Netzwerkexternalitäten im Rahmen einer perfekten Preisdifferenzierung berücksichtigt werden. Eine Voraussetzung dazu ist die Kenntnis der individuellen Zahlungsbereitschaft aller potentiellen Benutzer der neuen Zahlungstechnologie.

Ohne vollständige Information wissen die Zahlungsverkehrsteilnehmer im Zeitpunkt ihrer Wahl zwischen Bargeld und der neuen Technologie nicht, wie gross das Akzeptanznetz der neuen Technologie sein wird. Allein die Unkenntnis bezüglich der Präferenzen anderer potentieller Technologiebenutzer kann dazu führen, dass niemand in die neue Technologie investiert und sie einsetzt, obwohl der Gesamtnutzen dadurch steigen würde. Diese Situation wird in dieser Arbeit als Gleichgewicht mit "übermässiger Trägheit" bezeichnet. Auf der anderen Seite können aufgrund derselben Informationsprobleme Gleichgewichte mit "übermässigem Impuls" entstehen. Sie sind durch einen allgemeinen Technologiewechsel gekennzeichnet, obwohl der Gesamtnutzen im Status quo mit Bargeld höher gewesen wäre. Wenn Kommunikationssignale zwischen den Entscheidungsträgern möglich sind, verschwinden Gleichgewichte mit übermässiger Trägheit vollständig, während solche mit übermässigem Impuls nur teilweise eliminiert werden, weil die Signale durch strategisches Verhalten verzerrt sein können.

Werden die Resultate auf die Einführung und Ausbreitung von CASH übertragen, kann die beobachtete Expansionsstrategie verstanden werden. Es können aber auch Handlungsanweisungen abgeleitet werden, wie die Ausbreitungsstrategie von CASH hätte erfolgreicher gestaltet werden können.

 

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