Katharina Bibus
er Gütertausch, d.h. die Übertragung von Gütern und das Bezahlen, gehört zu den einfachen Vorgängen des täglichen Lebens. In hochentwickelten Volkswirtschaften vollziehen sich jedoch im Hintergrund der Zahlungsabwicklung in vielschichtigen Zahlungssystemen komplexe technologische Prozesse. Über solche Systeme werden heute in allen Industrieländern eindrucksvolle Geldvolumina umgeschichtet. In der Schweiz werden allein zwischen den Banken täglich bis zu mehr als einer Million Transaktionen im Gegenwert von beinahe CHF 300 Mia. umgesetzt. Zum Vergleich: das in der Schweiz pro Tag erwirtschaftete Bruttosozialprodukt beträgt weniger als 1% dieser Zahl, und selbst die gesamten Eigenmittel aller involvierten Banken sind kleiner als der tägliche Umsatz im schweizerischen Zahlungsverkehr.
Angesichts dieser Dimensionen scheint es klar, dass Innovationen im Bereich der Zahlungsabwicklung zu erheblichen volkswirtschaftlichen Gewinnen führen können. Es ist deshalb überraschend, wie wenig ökonomische Literatur zu finden ist, die sich mit den verschiedenen Aspekten von Zahlungssystemen auseinandersetzt, und wie wenig Ökonomen sich bis heute für die mit modernen Zahlungssystemen verbundenen Fragestellungen begeistern konnten. Es ist nämlich keineswegs so, dass Zahlungssysteme nur eine Anhäufung von fast unverständlichen Konventionen und institutionellen Details sind, denen jegliche Systematik abgeht, wie oft behauptet wird. Die heutigen Zahlungssysteme sind vielmehr das Spiegelbild einer jahrtausendelangen Entwicklung vom einfachen Warengeld hin zum Kreditgeld. Auf diesem Weg wurden - getrieben durch das Gewinnstreben der Wirtschaftssubjekte - laufend Effizienzsteigerungen realisiert. Das heutige institutionelle Umfeld kann entsprechend als Resultat dieser Marktprozesse verstanden werden.
Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte und insbesondere während der letzten Jahre haben die Umsätze im Zahlungsverkehr im Vergleich zur Wertschöpfung überproportional zugenommen. Parallel dazu sind die Kredit- und Liquiditätsrisiken, die bei der Abwicklung von Zahlungen entstehen, grösser geworden. Bei den Notenbanken und bei den Geschäftsbanken werden entsprechend vermehrt Anforderungen an die Stabilität von Zahlungssystemen gestellt. Man will damit vor allem vermeiden, dass sich lokale Bankenkrisen über solche Systeme auf andere Banken übertragen und dass dadurch die Funktionsfähigkeit des Bankensystems gefährdet wird. Zur Zeit lassen sich international zwei Tendenzen beobachten, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Einerseits verlangen die Zentralbanken, dass von Privaten betriebene Netto-Systeme über Absicherungsmechanismen - d.h. Regeln, wie Verluste im Krisenfall unter den Systemteilnehmern aufgeteilt werden, Limitensysteme, Hinterlagen etc. - verfügen müssen. Andererseits werden Netto-Systeme weltweit vermehrt durch Brutto-Systeme ersetzt, von denen behauptet wird, dass diese - ebenso wie abgesicherte Netto-Systeme - zur Begrenzung von Abwicklungsrisiken beitragen.
Das Ziel dieser Arbeit ist es, Fragen nach der Funktionsweise von Zahlungssystemen sowie nach deren Stabilität und Kosten aufzugreifen. Konkret geht es um die Analyse des Bankenverhaltens in einem Brutto-System und um die Herleitung von Implikationen für dessen Ausgestaltung. Unter einem Brutto-System wird dabei ein Zahlungssystem verstanden, in welchem Zahlungen der Banken nicht gegeneinander verrechnet, sondern einzeln, d.h. brutto, durch Übertragung von Reserveguthaben der Geschäftsbanken bei der Notenbank ausgeführt werden. Man nennt solche Zahlungssysteme auch "Real-Time-Gross-Settlement (RTGS)"-Systeme, weil die geschuldeten Zahlungen oft im Echtzeitverfahren (d.h. "real time") abgewickelt werden.
Einige wichtige Fragestellungen, die mit einem Brutto-System verbunden sind, lassen sich anhand eines einfachen Beispiels darstellen: Es werden zwei Banken betrachtet, die einander je eine Zahlung über zehn Geldeinheiten schulden und die diese Schulden über ein Brutto-System begleichen möchten. Während in einem Netto-System gar keine Zahlungen fliessen würden, muss hier jede Bank der anderen zehn Geldeinheiten überweisen.

Wie soll dies geschehen? Es ist offensichtlich, dass es ausreicht, wenn nur eine der beiden Banken über zehn Geldeinheiten auf Ihrem Konto verfügt, damit beide Zahlungen abgewickelt werden können. Die Reserveguthaben einer Bank kommen also beiden Banken in gleichem Ausmass zugute. Unterstellt man, dass die Reserveguthaben der Banken bei der Notenbank nicht verzinst werden, die Banken aus Opportunitätskostengründen also bestrebt sind, diese Guthaben möglichst klein zu halten, und die Notenbank ihr Intraday-Liquiditätsangebot beschränkt (ev. sogar auf null), ergeben sich folgende Fragen:

Die Arbeit gliedert sich wie folgt: Im nächsten Kapitel werden die konstituierenden Elemente und Regeln in der Praxis tatsächlich existierender resp. geplanter RTGS-Systeme vorgestellt. Dabei wird auch auf die Problemstellungen eingetreten, denen sich Systemdesigner, Systembetreiber und Benutzer, d.h. Notenbanken und Geschäftsbanken, zur Zeit gegenübersehen. In Kapitel 3 werden ökonomische Ansätze präsentiert, mit denen solche Fragen analysiert werden können. Nach einem kurzen Literaturüberblick werden drei repräsentative Arbeiten zu diesen Themen diskutiert. Im vierten Kapitel wird ein auf einige der oben angeführten Fragen ausgerichtetes Modell entwickelt. Als analytischer Rahmen dient ein spieltheoretischer Ansatz, in welchem das strategische Verhalten teilnehmender Banken und die sich daraus ergebenden Systemeigenschaften abgebildet werden.